Liebe, Abenteuer oder narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Etwas schwierig, einen solch intimen Artikel zu verfassen, da wenige Leser Menschen sind, die mich auch persönlich kennen. Selbstverständlich ist sowas unangenehm. Dennoch finde ich es so erzählenswert, dass ich es wagen möchte.

Immer wieder bekam ich nebenbei mit, dass einige im Bekanntenkreis die berühmtberüchtigte Flirt-App „Tinder“ nutzen. Die zum Teil wahren Vorurteile liste ich noch einmal kurz auf, für die wenigen, die vielleicht noch nie etwas davon gehört haben (falls es so etwas gibt).

  • oberflächlich, da man sich fast nur aufgrund von Fotos für einander „entscheiden“ kann
  • kein Niveau
  • nur Leute, die schnell auf sexuelle Abenteuer aus sind

Bedenken hatte ich vor allem deshalb, da es mir unglaublich peinlich wäre, bei meiner Hochzeit zu erzählen, wie genau mein Ehemann und ich uns kennengelernt haben. Es ist doch irgendwie „erbärmlich“, es nicht zu schaffen, auch draußen, im realen Leben, jemanden kennenzulernen. Das habe ich doch ganz bestimmt nicht nötig!

Wie konnte es also dazu kommen, dass ich diese App auf mein Handy geladen habe, obwohl ich lautstark getönt habe, wie lächerlich ich das Ganze finde.

Einfach weil ich krank im Bett lag, mir die Decke auf den Kopf fiel, ich mich in letzter Zeit wieder bewusst oder unbewusst in Männer verliebt habe und diesen dummerweise auch hinterhergelaufen bin, die es ganz bestimmt nicht gut mit mir meinten und deshalb von Liebeskummer-Anfällen geplagt wurde. Was Langeweile und Isolation nicht alles kann.

Letztendlich gab ein Freund mir den Rat, ich solle es doch einmal bei Tinder versuchen. Es können sich nette Gespräche ergeben, man lenkt sich ab und vielleicht wäre ja doch ein lieber, schüchterner Kerl dabei, der sich so nicht trauen würde, mich anzusprechen.

Die Langeweile und die Einsamkeit gewannen letztendlich gegen meine Abneigung gegenüber solcher Flirt-Apps, die ich ja ganz und gar nicht nötig hatte.

Unglaublich war es, plötzlich immer neue männliche Gesichter wegzuklicken. „Nope“steht fett in rot geschrieben, auf dem für mich als hässliche Fratze empfundenen Gesicht. Nein, den möchte ich nicht. Tinder zog mich richtig in den Bann. Ich wurde immer wählerischer. Ich habe eine Vorliebe für südländisches Aussehen, sodass ich sogar wunderschöne, blonde Alexanders sofort mit „Nope“ betitelte. Da ich dann doch nicht ganz so oberflächlich sein wollte, gewährte ich gnädigerweise vielleicht zwei „langweiligen“, deutschen Stefans die Kommunikation mit mir. Ich sah grenzenlose Möglichkeiten und Türen, die sich für mich öffnen könnten. Gleichzeitig wurde mein Ego gestreichelt, da ich innerhalb von nur zwei Tagen bereits 45 „Matches“ mit wunderschönen Südländern, unzählige Komplimente und zwei Dates bekam.

Hier klicken, falls ihr die Stimmung musikalisch nachempfinden wollt.

Meine Dates waren sehr süße und liebe Männer, was ich nicht erwartet hätte. Sie waren ehrlicher und netter als die meisten, die ich im wahren Leben getroffen hatte. Ich war sogar ein bisschen traurig, als der erste mir sagte, dass ich nicht sein Typ sei. Üblicherweise würde ich mich Grübeln und Selbstzweifeln hingeben, was denn wohl falsch an mir sei. Wahrscheinlich aber ist, dass er den ganzen Tag gearbeitet hat, und mich genau im Gegenteil – krankheitsbedingt langweilte und Redebedarf hatte, zuvor Männer-Grübeleien erlitt und ich unheimlich aufgeregt, aufgekratzt und hyper war. Unsere extrem verschiedenen Stimmungslagen erschwerten die Kommunikation, sodass das Gespräch eher gezwungen verlief und es mir dann häufig passiert, dass ich dann einfach Dinge erzähle, die mir so gerade in den Sinn kommen, statt dem Anderen zuzuhören, oder „interessante“ Dinge zu erzählen.

Statt der mich der Enttäuschung voll und ganz auszuliefern, nicht gefallen zu haben, fragte ich gleich 10 sogenannte „Matches“ an und traf mich mit dem, der als erstes zusagte. Dort stimmte die Wellenlänge, wir lachten viel und konnten aufeinander eingehend kommunizieren.

Selbstverständlich ist die übliche „Kritik“ an dieser App wahr. Ich bin sehr froh, dass ich sofort die Erfahrung der Ablehnung meines ersten Kandidaten gemacht zu haben. Durch diese neue, wunderbare Bewunderung, die mir plötzlich massenhaft entgegen gebracht wurde, erlebte ich eine Art Höhenflug. Ich ertappte mich dabei, wie ich plötzlich dachte:

Dieser Typ hat mich mit einem Super-Like markiert?! Was denkt der hässliche Otto denn? Als ob SO EINER bei mir eine Chance hat!

Dass mir mein Date nun sagte, dass ich nicht sein Typ bin, holte mich wieder auf den Teppich und ich erkannte, dass diese Menschen nur drei Fotos von mir sehen, meine Art, die meine Persönlichkeit ausmacht, aber unzulänglich bleibt und nur im realen Leben zu erkennen gibt.

Hätten mich beide gleich mit Kusshand empfangen, wäre ich vielleicht abgehoben. Diesem ehrlichen Kerl bin ich sehr dankbar dafür. Auch, dass er mich nicht ausgenutzt hat.

In diesem Sinne hat meine sehr kurze Erfahrung mit Tinder gezeigt, dass die virtuelle Bewunderung und Schmeicheleien vielleicht sogar gefährlicher sein könnten, als die Männer selbst, die die App nutzen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Liebe, Abenteuer oder narzisstische Persönlichkeitsstörung?

  1. Pingback: Liebe, Abenteuer oder narzisstische Persönlichkeitsstörung? | WinniWana

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s